geschrieben von Alexandra Popp

Plastikfrei leben: Wieso, weshalb, warum – und wie?

 

Plastik ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Der Alleskönner unter den Materialien hat viele Vorteile: Er ist flexibel und lange haltbar, was vor allem positiv in medizinischen Geräten zum Tragen kommt. Doch der Alleskönner unter den Materialien hat auch viele Schattenseiten. Der Müllberg wächst rapide, unser Planet erstickt regelrecht in einer Plastikflut. Auch die Auswirkungen des Materials auf unsere Gesundheit werden immer besser erforscht – mit beunruhigenden Ergebnissen. Komplett plastikfrei leben, ist gar nicht möglich. Dennoch gibt es Mittel und Wege, den Konsum zu reduzieren. Und mit dem Versuch, zumindest ansatzweise plastikfrei zu leben, setzt Du ein Zeichen für Nachhaltigkeit und tust der Umwelt und Deiner Gesundheit etwas Gutes.
Wie dramatisch die Lage in Sachen Plastik wirklich ist, warum es sich lohnt, plastikfrei zu leben und wie Du es in die Tat umsetzen kannst, erfährst Du in diesem Ratgeber.

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Plastik ist der umgangssprachliche Begriff für eine Gruppe synthetisch produzierter Materialien. Der Großteil davon wird aus Erdgas und Erdöl hergestellt. Durch den Einsatz von Chemie erhält Plastik seine verschiedenen Eigenschaften: fest, flexibel, transparent oder undurchsichtig. Zu den heutzutage am häufigsten genutzten Kunststoffarten gehören PVC, Polyethylen und Polypropylen.

Aus den Augen, aus dem Sinn: Wer seinen Plastikmüll fachgerecht über den gelben Sack entsorgt, trägt nicht zum weltweiten Müllproblem bei, könnte man denken. Doch leider ist die Wahrheit eine andere: Der Grüne Punkt auf der Verpackung bedeutet nicht immer, dass der Kunststoff ein zweites Leben (zum Beispiel als Fleecepulli oder PET-Flasche) vor sich hat. Nur ein Teil unseres Plasktikabfalls wird wiederverwertet. Wie groß der genau ist, scheint kein Mensch wirklich zu wissen. Denn mit der Einführung des Grünen Punktes vor rund 30 Jahren wird der Plastikmüll der Verbraucher von privaten Unternehmen gesammelt, sortiert und verwertet. Offizielle Zahlen zur Wiederverwertung weichen dabei voneinander ab:
So gibt das Umweltbundesamt beispielsweise an, dass im Jahr 2017 47% aller gesammelten Kunststoffabfälle in Deutschland recycelt und 53% der Abfälle energetisch verwertet, also verbrannt, wurden. Der Plastikatlas 2019   kommt allerdings zu ganz anderen Zahlen: Tatsächlich würden in Deutschland nur 15,6% der anfallenden 5,2 Millionen Tonnen Kunststoffprodukte zum erneuten Gebrauch aufbereitet. 67% würden verbrannt und 14 Prozent ins Ausland exportiert. So unterschiedlich die Zahlen auch sein mögen, so deutlich machen sie jedoch auch klar, dass ein Großteil unseres wiederverwertbaren Mülls eben nicht wiederverwertet wird. Mehr als die Hälfte davon wird verbrannt und ein großer Teil wandert ins Ausland. Doch wer kauft unseren Müll? Und warum?

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Etwa eine Million Tonnen Plastikabfälle exportiert Deutschland jährlich über seine Grenzen, größtenteils nach Malaysia, Indien, Vietnam und Indonesien, doch auch süd- und osteuropäische Länder gehören zu den Empfängern unserer Plastikabfälle. Dort wird der Müll, teilweise von Hand, auseinandergenommen, um mit den wiederverwertbaren Bestandteilen Geld zu verdienen. Das Problem: Ein großer Teil des Plastikmülls liegt auf illegalen Deponien herum und verschmutzt die Umwelt oder wird illegal verbrannt und gefährdet damit die Gesundheit der dort lebenden Menschen. Auch beim Transport nach Übersee stürzen immer wieder größere Mengen des Plastikmülls in den Ozean.

 

In Bezug auf die Entsorgung des Mülls in Übersee und dem Export weiß keiner genau, wo wieviel Müll landet und was mit ihm passiert. Fest steht: Das wird nicht ewig so weitergehen. Denn ein Teil der Länder, die den Plastikmüll bisher in Empfang nahmen, hat keine Lust mehr auf das schmutzige Geschäft:China erließ bereits 2018 ein Verbot, Indonesien schickt Container mit Restmüll in die Ursprungsländer zurück, wenn dieser sich nicht verwerten lässt oder mit Chemikalien belastet ist. Auch die EU selbst ist sich des Problems bewusst: Hier gelten bald strengere Gesetze in Bezug auf den Export von Plastikmüll. Immerhin: Die Abfälle dürfen nur noch frei gehandelt werden, wenn sie gereinigt und gut sortiert sind und sich recyceln lassen. Für den Export anderer Plastikabfälle wird künftig weltweit eine Zustimmung der Behörden der Export- und der Importstaaten erforderlich sein, berichtet das Fachmagazin EU Recycling.

Plastik rund um den Globus – Ein paar Fakten

Diese Zahlen allein sind schockierend. Allerdings gibt es auch einen positiven Trend zu vermelden: Mehr als 60 Prozent der Deutschen befürworten das Konzept, nachdem Lebensmittel und Getränke unverpackt verkauft werden. Dass Einwegprodukte wie Plastikstrohhalme oder Besteck und Wattestäbchen verboten werden sollen, befürworten viele Deutschen nicht nur – 84 Prozent wünschen sich Umfragen zufolge sogar noch strengere Auflagen in Sachen Plastik. Höhere Strafen für Unternehmen, die Plastikmüll in der Umwelt entsorgen, wünschen sich sogar 92 Prozent. Immerhin: Ab dem 3. Juli 2021 ist die Herstellung von Einwegplastik EU-weit nicht mehr erlaubt. Verboten sind dann:

  • To-go-Becher
  • Einweggeschirr
  • Fast-Food-Verpackungen
  • Trinkhalme
  • Rühr- und Wattestäbchen

Es gibt also zumindest positive Tendenzen in Hinblick auf die bedrohliche Plastik-Flut. Und unter Verbrauchern ist der Wille, nachhaltig zu leben, ist also durchaus da. Und wenn man auf unsere Geschichte schaut, ist plastikfrei leben auch gar nicht so neu – vielmehr ist das Leben mit Plastik, vor allem im heutigen Ausmaß, neu. Unsere Großeltern lebten beispielsweise in einer fast noch plastikfreien Welt.

Immer mehr Menschen möchten plastikfrei leben. Und das ist an sich kein neues Konzept, denn bis ins 20. Jahrhundert taten die Menschen dies bereits. „Unverpackt“-Läden sind momentan schwer im Kommen, früher waren sie Standard: Die Geschäfte bewahrten ihre Lebensmittel und Getränke in großen Gefäßen und Behältern auf, die Kunden füllten sie sich selbst ab und konnten Verpackungen oder Flaschen, die sie nicht mehr benötigten, zurückgeben. Die Materialien waren damals auf eine lange Haltbarkeit ausgelegt. Plastikmüll war damals noch kein Thema.
Der Trend zum Wegwerfen kam erst in den späten 50er Jahren, nachdem die Industrie die Verwendung von Kunststoff für sich entdeckt hatte. Dadurch, dass Verpackungen und Plastikflaschen nach ihrer Verwendung in der Tonne landeten, sparte sie Geld ein und vereinfachte die Lieferketten. Im Laufe der letzten 40 Jahre eroberten Convenience-Produkte die Regale: Fertiggerichte, Strohhalme, Tüten, Geschirr und Becher zum Wegwerfen wurden, passend zum modernen, schnelllebigen Lifestyle nach vielen Kriegsjahren, immer beliebter.

Plastik ist extrem widerstandsfähig und hat eine hohe Haltbarkeit. Das macht es für die Industrie sehr attraktiv, ist aber gleichzeitig ein Fluch. Denn die bis zu 450 Jahre Lebensdauer im Falle einer PET-Flasche beispielsweise, sorgen dafür, dass der globale Abfallberg wächst und wächst. Wir ersticken buchstäblich im Müll. Und das ist nur einer der gravierenden Nachteile der exzessiven Nutzung von Kunststoff. Denn Plastik kann auch krank machen. Noch stehen wir ganz am Anfang der entsprechenden Forschungen – immerhin ist Plastik ein noch recht „junges“ Material, dessen Langzeitauswirkungen noch nicht vollständig erforscht sind. Mit der Zeit kommen aber immer mehr negative Effekte des irrsinnigen Plastikgebrauchs ans Licht, die auch wissenschaftlich nachgewiesen sind. Um Plastik gewünschte Eigenschaften zu verleihen, werden nämlich Chemikalien eingesetzt. Dazu gehören zum Beispiel Weichmacher (Pthalate), Bisphenol A (BPA), bromierte Flammschutzmittel und Organozinnverbindungen.
Sie sorgen immer wieder für Furore als Schadstoffe in Kleidung oder Spielzeug, reichern sich auch in der Raumluft oder im Hausstaub an und gelangen über die Atmung in den Körper. In den zum Beispiel in Kinderspielzeug häufig eingesetzten Weichmachern finden sich hormonell wirksame Substanzen. Diese können das hormonelle Gleichgewicht des Körpers aus der Balance bringen und werden mit der Entstehung von Brustkrebs, Fettleibigkeit, Diabetes, Allergien, verfrühter Pubertät und Unfruchtbarkeit in Verbindung gebracht.

Vorsicht, Schadstoffe: Während Chemikalien in Kosmetik gekennzeichnet werden müssen und in Baby- und Kinderprodukten teilweise verboten sind, ist das für Möbel und Textilien nicht der Fall! Allerdings müssen die Hersteller auf Nachfrage angeben, welche Stoffe in ihren Produkten enthalten sind. Wenn Du Dir also sicher sein willst, dass Deine Kleidung oder Deine Möbel frei von giftigen Substanzen sind, frag vor dem Kauf beim Hersteller nach!

Was Mikroplastik im menschlichen Körper anrichtet, ist noch nicht vollständig geklärt. Fest steht: Es gibt kaum ein Entrinnen. Die winzigen Partikel finden sich in den Böden, in den Meeren, in Binnengewässern, in unserer Nahrung und sogar in unserer Atemluft.
Mikroplastik zieht andere giftige Schadstoffe wie ein Magnet an. Das ganze Ausmaß der kleinen, omnipräsenten Partikel wird sich wohl erst in den kommenden Jahren zeigen. Geheuer ist uns das Ganze nicht: Umfragen zufolge rangiert die Angst vor den negativen Folgen von Mikroplastik auf unsere Gesundheit auf den vordersten Plätzen.

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Du ahnst es schon: Plastik ganz aus Deinem Leben zu verbannen, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Dafür ist das umstrittene Material einfach zu allgegenwärtig. Dennoch kannst Du im Alltag darauf achten, möglichst wenig davon zu nutzen, Plastikmüll zu vermeiden und Deine unmittelbare Umgebung plastikfreier gestalten. Vom Lebensmittel einkaufen, über DIY bis Clean-Up Aktion: Es gibt viele gute Tipps und Tricks, wie Du nachhaltig Plastikmüll reduzieren und welche Alternativen zu Plastik Du nutzen kannst!

Es folgen weitere Tipps & Tricks, wie Du Plastik in Deinem Leben reduzieren kannst:

  • Boykottiere beim Einkauf Produkte, die übermäßig in Plastik verpackt sind.
  • Nutze wiederverwertbare Alternativen wie Beutel und Einmachgläser.
  • Stell Spülmittel und Kosmetik selbst her.
  • Koch selbst! Verzichte auf Fertigprodukte.
  • Kaufe losen Kaffee, statt Kaffeekapseln.
  • Trinke keine Getränke aus Plastikflaschen.
  • Leih Dir Dinge, statt sie neu zu kaufen oder kaufe gebrauchte Artikel.
  • Repariere defekte Produkte, bevor Du sie durch neue ersetzt.
  • Nutze wiederverwendbare Kaffeebecher.
  • Achte beim Kleidungskauf auf plastikfreie Fasern.
  • Kaufe Second Hand statt Fast Fashion.
  • Konsumiere bewusst: Frage dich vor dem Kauf, ob Du etwas wirklich benötigst und plane Lebensmitteleinkäufe vorab.
  • Nimm Deine eigene To-go-Tasse um sie befüllen zu lassen, oder trinke unterwegs aus Deiner Trinkflasche aus Glas oder Edelstahl, die Du zu Hause mit Deinem liebsten Getränk befüllt hast.
  • Nutze Glasstrohhalme statt Plastikstrohhalme.
  • Schreibe einen Brief an den Supermarkt in Deiner Nachbarschaft, in dem Du dazu anregst, weniger in Plastik verpackte Produkte zu verkaufen.
  • Schließ Dich Clean-Up-Gruppen in Deiner Umgebung an und hilf dabei, Müll aus der Umwelt zu entfernen.

Und, last, but not least:

Tu Gutes und sprich darüber! Wenn Du bereits plastikfrei lebst oder Dich mit dem Thema auseinandersetzt, tausche Dich auch mit Deinem Umfeld darüber aus. Je mehr das Bewusstsein für ein plastikfreies Leben verbreitet wird und Menschen sich dafür einsetzen, desto größer die Chance, dass sich etwas ändert.

Zeit wird’s!

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